Eingeschränkte Sichtbarkeit: Vergessene Orte

Ganz egal, ob du in Weimar wohnst oder als Tourist die vielfältige Kultur Weimars besichtigst: Orte wie das Deutsche Nationaltheater, das Wimaria-Stadion oder das Vereinshaus der Armbrustschützen nutzt man ganz normal für Kultur, Sport und Freizeit. Was fast niemand weiß und kaum wissen kann: Vor knapp 90 Jahren dienten diese Orte der Hitlerjugend zur NS-Indoktrination. Doch im Stadtbild erfährt man davon heute kaum etwas. Dass diese Spuren im Alltag eher schwer zu erkennen sind, hat verschiedene Gründe, von der baulichen Weiternutzung der Gebäude bis hin zum gesellschaftlichen Umgang mit der Geschichte nach 1945.

Nutzung statt Neubau

Der erste liegt in der Art und Weise, wie das NS-Regime diese Orte nutzte. Für die Hitlerjugend wurden keine eigenen Gebäude mit typischer NS-Architektur oder fest eingemauerten NS-Symbolen gebaut. Stattdessen nutzte man die bestehende Infrastruktur Weimars, wie Theater, Kulturzentren und Lokale. Nicht die Gebäude selbst veränderten sich, sondern lediglich ihre Nutzung. Da die Orte schon vorher wie ganz normale Alltagsgebäude aussahen, konnten sie nach dem Krieg genauso weitergenutzt werden. Ohne auffällige Merkmale an der Fassade läuft man heute an ihnen vorbei, ohne ihre NS-Vergangenheit überhaupt zu erahnen.

Verdrängung und der Umgang nach 1945

Ein zweiter zentraler Grund für die eingeschränkte Sichtbarkeit liegt im Umgang mit der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. In den ersten Nachkriegsjahren stand vor allem das Überleben im Vordergrund, aber auch die Verdrängung. An Orten, an denen das alltägliche Leben weiterlief, wollte sich niemand zu den Verbrechen des NS-Regimes bekennen. Ein Schild mit der Aufschrift „Hier war die Hitlerjugend” empfand man früher, aber auch heute noch als Schande für die Stadt. Hinzu kommt das Problem, dass selbst wenn heute einfache mit Tafeln darauf aufmerksam gemacht werden würde , viele Menschen gedankenlos daran vorbeigehen, ohne sie wahrzunehmen oder die Geschichte ohne Vorwissen zu verstehen. Zudem besteht die Gefahr der Beliebigkeit, da, wenn man an jedem Gebäude, an dem in der NS-Zeit etwas passiert ist, ein Schild anbringen würde, es irgendwann so viele Tafeln geben würde, dass der einzelne Ort seine Wirkung verliert. Dadurch bleiben die Orte trotz dieser Hinweise nur eingeschränkt sichtbar.

Die verdrängte Täterrolle

Dass viele Orte der Hitlerjugend im Stadtbild kaum auffallen, liegt auch daran, wie nach 1945 an die NS-Zeit erinnert wurde. Man hat sich lange Zeit auf die Opfer konzentriert, da man sich viel leichter mit ihnen identifizieren kann. Solange diese Mitleidsidentifikation durchgeführt wird, muss man sich auch nicht mit den Tätern auseinandersetzen. In der eigenen deutschen Geschichte wurde dies oft ausgeblendet, obwohl die deutsche Gesellschaft eine Tätergesellschaft war. Genau das trifft auf die Orte der Hitlerjugend zu, denn es waren keine Orte des Leidens, sondern Orte, an denen Jugendliche zu Tätern erzogen wurden. Weil man sich mit dieser Täterrolle vor der eigenen Haustür nach dem Krieg eher weniger auseinandersetzen wollte, verdrängte man auch die eigene Mitläuferschaft und Schuld. Die Erforschung der Innenstadt hätte bedeutet, die eigene Nachbarschaft und Verantwortung zu hinterfragen. Genauso wie der bereits thematisierte Wunsch nach Normalität wurden diese Orte der Indoktrination nach 1945 einfach wieder als Schulen, Sportstätten und Lokale weitergenutzt, ohne die Geschichte des Nationalsozialismus zu thematisieren.  

Was kann verbessert werden?

Zum Ende hin stellt sich also die Frage, wie wir die Unsichtbarkeit durchbrechen können. Schilder oder tafeln sind zwar ein sehr wichtiger Teil der Erinnerung, reichen aber meistens nicht aus. Wer ohne Vorwissen an einer Wandplakette vorbeiläuft, nimmt sie im Alltag oft gar nicht wahr – und die Orte bleiben „unsichtbar”. Echte Erinnerungskultur im Alltag entsteht durch eigenes aktives Nachfragen und Hinsehen, was durch Bildungsangebote erleichtert werden kann. Man muss sich die Fragen stellen:

Welche Geschichte verbirgt sich hinter den Gebäuden, an denen wir täglich vorbeilaufen?

Welche Funktion hatten diese öffentlichen Gebäude?

Geschichte findet nicht nur an Gedenkstätten, sondern auch direkt vor unserer Haustür statt. Diese eingeschränkte Sichtbarkeit lässt sich nur überwinden, wenn wir Alltagsorte nicht nur als das sehen, was sie heute sind, sondern uns auch bewusst machen, wie tief der Nationalsozialismus einst in der Gesellschaft verankert war.